Job gekündigt: Vom Büro auf die Azoren

Der erste Schritt

Job kündigen, Wohnung aufgeben, Hab & Gut auf das Nötigste reduzieren, großen Rucksack packen und los ziehen in die große weite Welt. Endlich die Freiheit genießen und sich vom Leben treiben lassen.

So, oder so ähnlich werden viele denken und zumeist träumen, sich aber sagen „ich kann aber doch jetzt nicht einfach alles hinschmeißen“, während sie an ihrem PC im Büro sitzen und trotzdem merken dass etwas in ihrem Leben nicht stimmt oder unvollständig und unzufrieden ist. Dass sich ein inneres Verlangen nach Freiheit durch den Körper kämpft. Ein Verlangen nach einem Befreiungsschlag, welches so groß wird, dass man es irgendwann nicht mehr ignorieren kann.

München Panorama Frauenkirche Rathaus
Münchens Panorama mit Frauenkirche und Rathaus

Ein aufregendes neues Lebensziel

Ich habe eine gute Ausbildung und ein abgeschlossenes Studium, viele Jahre gearbeitet und somit auch schon einiges in meine Rentenkasse eingezahlt.
Ich habe einen unbefristeten Job in einem Münchner Softwareunternehmen, mit einem hellen Büro in dem ich fast jeden Tag kostenlos (!) auch noch frisches Obst bekomme.
Meine Wohnung befindet sich an der Münchner Freiheit, nur ein paar Schritte vom Englischen Garten entfernt, so dass ich jeden Abend entlang der Isar radeln kann.

Ich habe mit Abstand das beste Team in der ganzen Firma, habe binnen 2 Jahren so liebe Leute in München kennengelernt mit denen ich am Wochenende wandern gehen, in Irish Pubs bei der Karaoke-Nacht singen und mit denen ich in den Salsa-Clubs der Stadt Durchtanzen kann.
Meine Familie wohnt nur eine Stunde Zugfahrt entfernt, ich habe genügend Zeit um meine lieben alten Freunde und Kollegen in Berlin ab und zu zu besuchen und um meinem im Studium gegründeten Festival – dem Rocken am Brocken in Elend bei Sorge – jährlich einen Besuch abzustatten.

Mir geht es so gesehen richtig gut. Ich habe alles was ich brauche und noch viel mehr.

Und trotzdem regt sich in mir Widerstand.
Weil ich noch nicht am Ende meiner Reise angekommen bin,
weil „haben“ nicht mit „glücklich sein“ gleichzusetzen ist.
Und weil ich mir selbst ein neues Lebensziel gesetzt habe:

„Job-Hopping around the World“
als Outdoor-Sport-Guide, Autor und Fotograf.

Das kann ein jährlicher oder auch ein halbjährlicher Turnus sein.
Meine Liste der ausgesuchten Stellen ist lang und geht aktuell bis ins Jahr 2023.
Und selbst wenn ich nicht alle Stationen schaffe und vorher nach Deutschland zurückkehre:

Den ersten Schritt gehe ich definitiv im April 2016 – und was danach kommt wird sich zeigen.
Mit dabei in der Liste sind u.a. Pico auf den Azoren, Kaikoura auf Neuseeland, der Geirangerfjord in Norwegen, Berlin, Konstanz am Bodensee, Kefalonia in Griechenland, Fuerteventura, La Gomera…und so weiter…. :)
Die Färöer Inseln und die antarktischen Gewässer stehen auch auf meiner Wunschliste. Allerdings nicht zum fröhlichen sporteln oder backpacken, sondern um mit der Sea Sheperd die Walfänger zu stoppen.

Übersichtskarte der Azoren
Übersichtskarte der Azoren

Mein Leben soll mehr beinhalten als 8 Stunden vor einem PC zu sitzen.
Ich möchte die Welt sehen. Ich möchte andere Kulturen erleben, in ihnen aufgehen, mich weiterentwickeln und neue Sprachen lernen.
Ich möchte eine Arbeit haben, welche ich mit mehr als reiner Motivation durchführe.
Ich möchte an der frischen Luft in der Natur arbeiten, Outdoor-Tourenveranstalter dabei unterstützen, ihren Gästen einen schönen nachhaltigen Urlaub zu bereiten. Ich möchte wieder mehr Schreiben und Fotografieren. Ich möchte mich gesünder ernähren, weniger Alkohol trinken, viel mehr Sport treiben und so viel Zeit mit Freunden und Familie verbringen wie möglich – ob online, per Post oder real.

Ich möchte leidenschaftlich leben!

Ein Schritt für meine innere Freiheit ist, dass ich mich von fast allem was ich derzeit besitze trenne. Selbst meine Gitarre, für die ich während der Schulzeit 5 Wochen auf dem Bau geschuftet habe, werde ich verkaufen.

Meine erste Station für mein oben genanntes Lebensziel ist keine Backpacker-, Jakobsweg- oder Radweltreise-Tour. (Das kann aber alles noch kommen :)

Meine erste Station ist eine Volunteer-Stelle im kleinen Örtchen Madalena auf der Insel Pico (3360km von München entfernt), welche zur Zentralgruppe der Azoren gehört, auf einer Transversalstörung des Mittelatlantischen Rückens liegt und mit dem namensgebenden Pico (2.351m) den höchsten Berg Portugals beherbergt.

Ich arbeite auf den Azoren als Whale-Watching- und Kajak-Guide.

Und die Gäste betreue ich auch.
Den ersten Job als Outdoor-Sports-Guide auf meiner Job-Hopping-Liste kann ich also mit einem grünen Häkchen versehen!

Grosser Tümmler beim WhaleWatching im Atlantik vor La Gomera
Grosser Tümmler beim WhaleWatching im Atlantik vor La Gomera

Natur, Tourismus, Sport und Dienstleistung

Ich habe mich dafür entschieden weil ich bereits 2004 als Kanuguide bei LaCanoa am Bodensee gearbeitet habe und Wasser sowieso schon immer mein Element war. Das zeigte sich bisher in all meinen Hobbys: Schwimmen, Eislaufen, Winterwandern im Schnee, Schnorcheln, Tauchen, Windsurfen, Paddeln – und jetzt: Whale Watching.

Außerdem mag ich es, in’s (von mir ausgewählte) kalte Wasser zu springen. Das waren bisher für mich immer die besten Momente.

2012 waren wir auf La Gomera im Valle Gran Rey und dort hatte ich bei einer Whale Watching Tour meine erste Begegnung mit freilebenden Delfinen und Grindwalen. Das hat mich nachhaltig so beeindruckt dass dieser Schritt in meinem Leben unumgänglich geworden ist.

Zwar hatte ich auch auf Teneriffa im Loro Parque und im Nürnberger Zoo schon Delfine gesehen. Aber das ist nicht das Gleiche und vor allem nicht ansatzweise so schön.

Zusätzlich möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen: Egal wie gut der Zoo ist, die Tiere leben in Gefangenschaft und das soll und kann nicht der Zweck ihres Lebens sein. Und ich bitte Euch darum, nicht in Delfinarien zu gehen und auch die Wal-Shows von Sea World nicht zu besuchen. Danke.
Whale Watching ist also die einzige richtige Möglichkeit, Wale zu sehen ohne ihr Leben zu zerstören.

Ich habe Tourismusmanagement studiert, achte auf eine hohe Servicequalität gegenüber Kunden und bin seit jeher mit einer ordentlichen Portion Gerechtigkeits- und Natursinn ausgestattet. Dinge wie Massentierhaltung, Walfang und Kernkraft liegen mir auf der einen Seite so fern, wie sanfter und nachhaltiger Tourismus in jeglicher Hinsicht mein Bestreben ist.
Beim Whale Watching bedeutet das: Nicht mehr als 3 Boote, mindestens 50 Meter Abstand (außer die Tiere kommen aus Neugier näher) und immer parallel mit dem Boot fahren. Nie zwischen oder vor die Tiere! Whale Watching Guideluines – Regeln der Walbeobachtung (engl)

Somit bin ich auf den Azoren perfekt aufgehoben und freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit Frank Wirth und seinem Team von Pico Sport.

Ich beim Whale Watching vor La Gomera
Ich beim Whale Watching vor La Gomera

Bei aller Organisation und Vorbereitung bleibt aber trotzdem Vieles im Unklaren. Ich habe eine gehörige Portion Angst im Bauch wenn ich an die Zeit auf den Azoren denke. Von einer Millionenstadt in ein Dorf mit 2600 Einwohnern, auf einer Insel mitten im Atlantik.
Gleichzeitig verspüre ich die mit Abstand größte Vorfreude in meinem Leben.

Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird; aber soviel kann ich sagen:
es muss anders werden, wenn es gut werden soll.

(Georg Christoph Lichtenberg    1742-1799)

Das ist also alles sehr aufregend & spannend – und andererseits genau so von mir gewollt.
Nicht mehr alles im Plan zu haben sondern flexibel zu sein, die Freiheit zu genießen und mich vom Leben erfassen zu lassen.

Zumal ich mich schon sehr darauf freue, das erste Mal „Da vorne ist ein Pottwal“ sagen zu können wenn der buschige schräge markante Blas über der Wasseroberfläche erscheint, bevor er seine Fluke anhebt um majestätisch in die Tiefen des Ozeans hinab zu tauchen.

Whale Watching: Ein Grindwal im Atlantik vor La Gomera
Whale Watching: Ein Grindwal im Atlantik vor La Gomera

Jetzt habe ich viel zu tun.
Ich lese mich in die Materie der Cetacea (Wale) ein, um den Gästen vor Ort etwas erzählen zu können. Anfang Oktober mache ich den „Sportbootführerschein See/Küste“ und fange gerade an, Portugiesisch zu lernen.
Die verbleibende Zeit in meiner Geburtsstadt München werde ich darüber hinaus noch richtig genießen – mit Wandern im Mangfallgebirge, Biergärten-Besuchen und Isar-Radtouren.

Wie alles detailliert verläuft kann ich aber weder abschätzen noch genau planen – ich versuche, mich selbst überraschen zu lassen.

Alles auf einen Blick:

Zeitraum: 01.April – 15.September 2016 (mit kurzer Unterbrechung vom 12. Juli-03. August)
Ort: Madalena, Pico / Azoren
Firma: Pico Sport: Whale Watching >   /   Scuba Azores – Tauchschule auf Pico >
Mein Job: Whale-Watching Volunteer, Kajak-Guide, Mountainbike- und Wanderführer, Gästebetreuer

Wer seinen Urlaub im Sommer 2016 noch nicht geplant hat:
Kommt vorbei – ich freue mich über jedes bekannte Gesicht!
Tipp: Flüge nach Pico gibt es.
Solltet ihr für Euren Wunschreisetermin keinen Flug nach Pico finden:
Die gegenüberliegende Insel Faial, mit der Hafenstadt Horta, wird öfters angeflogen.

Die Fähre von Horta/Faial nach Madalena/Pico (aktueller Fahrplan bis Juni 2016), fährt in der Sommersaison 5x täglich.
Die Überfahrt dauert ca 30 Minuten und kostet 26 € (Tarife von Atlanticoline für die Fähren der Azoren).

Zum Einlesen in die Materie der Cetaceans: Übersicht aller Walarten mit Taxonomie, Morphologie, Verbreitungs- sowie Verhaltensbeschreibung

15 Gedanken zu „Job gekündigt: Vom Büro auf die Azoren

  1. Monika Meurer Antworten

    Lieber Benny, richtig so!! Ein großer, aber sicher ein guter Schritt! Wir sind ja jetzt schon 4 Monate unterwegs und vermissen bisher (fast) nichts…
    Wir wünschen Dir alles Gute für Deine Reise und vielleicht sehen wir uns auf den Azoren. Im April 2016 sind wir nämlich auch da.

  2. Ralf Antworten

    Servus Benny,
    schöne Seite und toll geschrieben, da bekommt man echt Lust, mit dir mal rauszufahren.
    Wir sind noch in Indonesien und werden in ein paar Tagen nach Australien aufbrechen. Sollten wir nicht irgendwo zwischendrin länger hängen bleiben, sehen wir uns auf den Azoren!
    Bis dahin, schönen Abschied noch in der Heimat und schreib fleißig weiter.
    Wir freuen uns natürlich auch über den ein oder anderen Kommentar zu unserem Blog http://www.um-den-globus.de :-)
    Beste Grüße,
    Ralf

  3. Götz A. Primke Antworten

    Moin Benny,
    da hast Du Dir ja echt was vorgenommen! Super! Respekt! Ich hatte nie soviel Mut, das Leben komplett auf den Kopf zu stellen – und jetzt ist es wohl dafür zu spät. Wünsche Dir alles Gute dafür und bin mir sicher, dass wir uns bis dahin bzw. danach sicher wiedersehen. Halt die Ohren steif!
    Servus,
    Götz

  4. Pingback: Die Walzing Meurers: Interview mit zweien auf Reisen - BennyK

  5. Sabine Antworten

    Super.
    Mach das genauso.
    Hab viel Spaß.
    An Mut und Motivation fehlt es dir definitiv nicht,ganz sicher nicht.
    Die Azoren als erste Anlaufstelle sind so grandios, ich bin demnächst mal wieder für drei Wochen dort.
    Vielleicht bis zum Sommer auf Pico.
    Wegen Nebel und Schnee konnten wir vor ein paar Jahren im Sommer nicht rauf,…
    Vielleicht findest du in Peter’s Sports Cafe (?,naja,wird schon so ähnlich heißen) in Horta auf Faial beim Gin Tonic einen Weltumsegler,der noch einen Platz frei hat und dich mitnimmt.
    Sooo unwahrscheinlich ist das nicht.
    Es würde mich freuen,wieder etwas von dir zu lesen.
    Hotspots gab es sogar auf den Kapverden.
    Die sind auch sehr schön… da findet man bestimmt auch was zu tun.
    SAL mit Massentourismusanfängen vielleicht meiden,aber die anderen Inseln fanden wir sehr schön.
    Herzliche Grüße
    Sabine

    • Sabine Antworten

      Nachtrag:
      Wir wohnen in Berlin-Friedrichshain.
      München fand ich abenteuerlich, eher ein großes Dorf in meinen Augen und gewöhnungsbedürftig.
      Sorry, ich war nicht lange dort.
      Also,meld dich ruhig,bevor du Berlin erkunden willst.
      In den Schulferien bin ich allerdings selten zu Hause.
      Eher irgendwo auf der Welt.
      Polarlichter suchen,Wandern auf den Kanaren,Portugal hoch und runter,Westafrika,…
      Bis dann.
      Sabine

    • BennyK Autor des BeitragesAntworten

      Wenn Du auf Pico bist, dann komm doch bei mir mal vorbei – das wird meine Insel sein für knapp 6 Monate.
      Cafe Peter Sport – ja, das habe ich auch schon auf meiner Liste

  6. Pingback: Gedanken blockieren mein Handeln - Benjamin Krauss

  7. Lila Messerschmidt Antworten

    Sehr schön so in etwa stelle ich mir das auch vor.!! :-). Alles Gute dabei…

  8. Robby und Stefan Antworten

    Hey Benny,

    wir starten ziemlich zur gleichen Zeit. Bei uns geht es am 01.04. los. Allerdings fahren wir mit unserem Wohnmobil erst mal Richtung Norden. :-) Wohin es danach geht ist noch offen :-) Indien ist unser grosser Traum.

    Wünschen dir eine tolle Zeit und viel Freude!!!

    Robby und Stefan
    von Campofant.com

  9. Hendrik Kempfert Antworten

    Machet Otze :)

    ich kann Dir gut nachempfinden, mein Trip hat mich auch nachhaltig für die Zukunft beeinflusst.

    Vielleicht kommst Du ja doch noch mal in das digitale Dorf „Online Marketing“ zurück :)

    LG

    Der Hendrik von Adform

    • BennyK Autor des BeitragesAntworten

      Hi Hendrik,
      schön von Dir zu hören. Wo und wie lange warst Du denn zurück?
      Online Marketing werde ich nie komplett verlassen – dazu sitzt das Segment seit knapp 12 Jahren zu tief in mir drin 😉
      Nur meine Jobbeschreibungen ändern sich eben – und am Ende entsteht dann ein feiner Mix aus allem, weil ich nicht mehr ausschließlich im Büro sitzen will.

      LG
      Benny

      P.S.: Was oder wer ist „Otze“ und was ist das für ein Dialekt? Nie gehört.

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