Die Walzing Meurers: Interview mit zweien auf Reisen

Monika und Achim Meurer – alias Walzing Meurers – kenne ich jetzt schon ein paar Jahre. Kennengelernt haben wir uns beim Tourismuscamp in Eichstätt 2010, als wir mit der Barcamp-Kultband „The Russian Ice Divers“ aufgetreten sind, und Achim an der Gitarre mit uns „Smoke on the water“ von Deep Purple spielte. Von da an war eine Freundschaft geboren. Die hält bis heute, auch wenn wir uns nur 1-2mal im Jahr sehen. Nämlich in Eichstätt oder in Kaprun beim Barcampen der Online-Touristiker.
Verbundenheit der Aussteiger
Inzwischen verbindet mich mit den beiden aber noch etwas: Das Aussteigen aus der gewohnten Umgebung, das Hinterlassen von alter Heimat, das Aufgeben von Hab & Gut, und somit letztendlich das reisende Arbeiten als sogenannte „digitale Nomaden“, welches immer ein Abenteuer mit sich bringt.
Jetzt sind sie schon einige Monate unterwegs, und da habe ich mal nachgefragt wie es Ihnen denn so geht.
Dazu müsst ihr wissen: Achim ist Profi-HDR-Fotograf und Monika eine leidenschaftlich gute Schreiberin. Nicht nur mit Stift und Papier, sondern vor allem beim Bloggen, Twittern, und was es heute noch so alles für neumodischen OnlineSchnickSchnack gibt. Die beiden machen also fast das gleiche wie ich, sind als eingefleischtes Ehepaar nun schon einige Zeit unterwegs und laufen mir wohl im April über den Weg, wenn sie für eine Woche auf den Azoren weilen, wo ich meine Reise beginnen werde.

Die Walzing Meurers sind seit Mai 2015 auf der Walz.

Traditionell gesehen ist eine Walz die Wanderschaft der Brauer, Dachdecker und Zimmermänner.
Diese müssen einen Gesellenbrief haben, ledig und unter 30 Jahre alt sein.
Ohne Handy, fernab der Heimat, mit einem Bannkreis von 50km um den Heimatort dürfen sie für Essen und Reisen nichts ausgeben.
Achim und Monika haben die Walz nun für sich neu erfunden und auf ihre Bedürfnisse angepasst. Walz 2.0.
Hart im Nehmen: Monika Meurer barfuß im Wald auf Tannenzapfen.
Hart im Nehmen: Monika Meurer barfuß im Wald auf Tannenzapfen.
Habt ihr auch Regeln für Eure Walz?
Da wir die Walz 2.0 machen, gelten für uns die Regeln der Zimmerleute nicht. Wir nutzen ein Auto und auch ein Smartphone. Was aber sicher ähnlich ist, ist der Gedanke, bei der Walz über den Tellerrand zu schauen und sein Wissen zu erweitern. Wir möchten dabei zeigen, dass Fotografieren und Schreiben auch Handwerk ist und entsprechend aufwendig ist. Andererseits interessieren wir uns selber für Handwerk und lieben es, seltene Handwerke aufzuspüren und darüber zu berichten. Für Essen und Reisen geben wir auch nichts aus und vom Heimatort sind wir weit genug entfernt, weil wir keinen mehr haben…
Was hat euch dazu bewogen das Projekt Walzing Meurers anzugehen?
In 2013/2014 haben uns gleich eine Menge Schicksalsschläge ereilt. Wir haben viele Dinge, viel Geld und auch liebe Menschen verloren. Und da sind wir nachdenklich geworden. 2014 haben wir trotzdem zwei beeindruckende Reisen gemacht und wer uns kennt, weiß, dass Achim immer gerne Fotos macht und ich super gerne twittere. Eine von diesen Reisen ging nach Jordanien und war eine reine Arbeitsreise. Sie hat uns so gut gefallen, dass wir beschlossen, wir hätten gerne mehr solcher Arbeitsreisen.
So sind wir Fotografen. Hauptsache die Perspektive stimmt: Walzing Achim bei der Arbeit
So sind wir Fotografen. Hauptsache die Perspektive stimmt: Walzing Achim bei der Arbeit
Ihr habt all Euer Hab & Gut aufgegeben. Warum habt ihr Euer schönes Haus im idyllischen Salzburger Land nicht zwischenvermietet?
Wir haben einige Zeit an unserem Konzept gefeilt und es mehrmals überarbeitet. Wenn man ständig unterwegs ist, braucht man kein Haus oder keine Wohnung mehr. Wir hatten das Haus selber nur gemietet. Eine Untervermietung ist auch immer schwierig. Was ist, wenn etwas im Haus kaputt geht. Oder der Untermieter plötzlich ausziehen möchte? Wenn man dann gerade auf einem anderen Kontinent unterwegs ist, wird’s schwierig.
Dann ging es um die vielen vielen Sachen, die trotz Katastrophenschäden immer noch zahlreich vorhanden waren. Wohin mit Möbeln, Gartengeräten und Sachen? Alles einlagern wäre sehr kostspielig geworden. Wir haben bei den Todesfällen in unserem nächsten Umfeld gesehen, wie schnell geliebte Dinge Null und Nichtig werden. Außerdem sind wir in den letzten zehn Jahren zu oft umgezogen. Fünf Mal, wenn wir richtig zählen und man schleppt Sachen mit, die man zwei Jahre nicht angefasst hat. Und so haben wir beschlossen, kaum etwas zu behalten.
Der Versuch, unsere Sachen zu verkaufen, ist schnell gescheitert, weil sehr viel Zeit dafür drauf geht. Und wir hatten nicht so viel Zeit für die Vorbereitung, wie wir ursprünglich geplant hatten. Nach wenigen Versuchen haben wir unsere Sachen dann verschenkt. Und es hat immer genau die richtigen getroffen. Das hat Spaß gemacht!
Von einigen Teilen wollten wir uns gar nicht trennen. Wir hatten ein paar Umzugskartons und unsere Musiksammlung aufbewahrt und eingelagert. Aber diese Sachen sind inzwischen auch leider durch ein Mißverständnis auf dem Sperrmüll gelandet. Sehr bitter, aber nicht mehr zu ändern.
Ohne Mietzahlung und ohne Einlagerungskosten sind unsere Fixkosten drastisch gesunken und so kommen wir mit wenig aus. Wenn wir nicht Krankenkasse, Steuern und Diesel bezahlen müssten, würden wir unsere Dienste gratis anbieten.
Über Stock, Fluss und Stein: Walzing Monika gibt alles, damit Achim auf den Auslöser drücken kann
Über Stock, Fluss und Stein: Walzing Monika gibt alles.
Diese Reise ist ja schon ein großer Unterschied zu Eurem bisherigem Leben. Gibt es etwas, dass ihr bereits vermisst?
Es ist im Gegenteil so, dass wir in gerade in den Ereignisjahren 2013/2014 sehr viele Dinge vermisst haben, die wir jetzt auf der Walz erleben. Wir haben in diesen Jahren nur reagiert. Es ging immer um Schadensbegrenzung. Und immer, wenn wir glaubten, jetzt ist gut, jetzt können wir mal wieder etwas für uns als Paar tun, kam die nächste Katastrophe. Und wieder mussten wir zwangsläufig reagieren.
Nun sind wir als Paar unterwegs in wunderschönen Gegenden, treffen sehr interessante Menschen, besuchen kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte oder gehen ins Kino. Wir besuchen Museen, probieren neue Dinge aus wie Klettergarten oder Segway fahren und kommen endlich einmal zum Luftholen.
Manchmal vermissen wir gutes Essen im Sinne von frisch, aus guten Zutaten zubereitet. Leider bekommt man in vielen Restaurants sehr viele Fertigwaren vorgesetzt und als Vegetarier gibt es die immer gleichen Gerichte auf den Karten. WLAN vermissen wir schmerzlich, weil es unsere Arbeit unnötig kompliziert macht und eine Waschmaschine wäre toll. Aber wir arbeiten daran, unserer Kleidung möglichst auf Wolle und Merino umzustellen, so dass eine Waschmaschine nicht mehr so oft benötigt wird.
Welche negativen Erlebnisse gab es auf eurer bisherigen Reise?
Bisher gab es nicht viel. Eine Ferienwohnung mussten wir nach zwei Nächten wechseln, weil sie feucht war und eine Dame möchte Achims Fotos nicht verwenden, weil sie ihr nicht gefallen. Eine Destination hat sich nicht an unser Konzept gehalten und uns für nur zwei oder drei Nächte untergebracht, statt der geplanten 7 Nächte. Das hat zu großem unnötigem Stress geführt und unsere Erholungszeit drastisch beschnitten. Und krank im Bett liegen ist schwierig.
So kennt man ihn wenn er ausnahmsweise keine Gitarre in der Hand hat: Achim beim fotografieren
So kennt man ihn wenn er mal keine Gitarre in der Hand hat: Achim beim fotografieren
Was sind die schönsten Situationen, welche ihr auf der Walz erlebt habt?
Ach da gab es schon so viele. Wunderschöne Landschaften; tolle Natur. Momente, wo man als Paar zusammen an einem schönen Ort ist oder etwas tolles genießen darf. Private Führungen in Schlössern oder Museen. Einblicke in seltenes Handwerk, wo man den Handwerkern so nah kommt, wie sonst nie. Abends bei einem schönen Glas Wein mit netten Menschen oder allein zu zweit zusammen sitzen und einfach sein dürfen.
Ihr werdet von Hotels und Destinationen eingeladen, arbeitet dort gegen Kost und Logis als Redakteurin (Monika) und HDR-Fotograf (Achim).
Wie seid ihr an die ersten Jobs gekommen: seid ihr losgefahren und habt an die Tür geklopft oder habt ihr eine Voraquise betrieben?
Wir haben die erste Fassung unseres Konzepts an eine Hand voll Leute geschickt, die wir bereits von den diversen Tourismusbarcamps kannten und um eine Einschätzung gebeten. Danach haben wir die Änderungsvorschläge eingearbeitet und es so immer weiter verfeinert. Beim nächsten Barcamp haben wir die derzeitige Fassung unseres Walz-Konzeptes erneut einigen Destinationen und Touristikern gezeigt und wurden sofort eingeladen. Und wir haben auf der ITB in Berlin mit 70 Destinationen gesprochen und unsere Idee vorgestellt. Dann hat es sich recht schnell verbreitet und als wir 30 Wochen gebucht waren, haben wir den Mietvertrag vom Haus gekündigt. Wir haben immer noch keine wirkliche PR betrieben und bekommen doch fast jede Woche eine Anfrage.
Die Walzing Meurers füßeln ein C-Dur
Die Walzing Meurers füßeln ein C-Dur
Was macht ihr in stillen Zeiten wenn euch keine Destination einlädt für sie zu arbeiten?
Immer wieder bekommen wir Angebote von netten Menschen, die uns aufnehmen möchten, wenn wir eine Lücke in unserem Tourplan haben, so dass wir uns darüber auch keine Sorgen machen brauchen.
Welche Tipps würdet ihr Menschen geben, die auch vorhaben, ihren Routine-Alltag aufzugeben und die Welt zu bereisen?
Nicht lange fackeln sondern machen. Es gibt immer einen Weg. Jeder wird für sich die geeignete Methode finden. Unser Konzept ist auf uns zugeschnitten. Du hast für Dich auch Deinen eigenen Weg (mehr dazu>>) gewählt, und so muss jeder für sich selber herausfinden, was passt. Aber nicht ewig träumen, sondern machen!
Glaubt ihr, dass so ein Lebensstil auch mit Familie – also mit Kindern – möglich ist?
Es ist sicher aufwendiger in der Organisation, aber machbar. Es gibt da auch einige Beispiele und wir glauben, dass es für Kinder eine wunderbare Lernerfahrung ist. Besser als manches Schulsystem wahrscheinlich…
Wo seid ihr aktuell und welches sind Eure nächsten Stationen?
Momentan sind wir im Salzburgerland unterwegs und dann geht es weiter in Österreich in’s Tannheimertal.
Wenn jetzt ein potentieller Arbeitgeber auf Euch aufmerksam geworden ist, wie lädt er Euch am Besten ein und was sind Eure Konditionen?
Am besten erst Mal unsere Webseite anschauen. Da steht genau beschrieben wie es funktioniert und da gibt es auch unsere Tourdaten. 2016 sind nur noch wenige Wochen frei. Und dann einfach eine Mail schicken!

Danke liebe Monika, lieber Achim, für diese ausführlichen Antworten!
Ich freue mich auf unser nächstes Wiedersehen in Eichstätt, und dann hoffentlich im April bei mir auf der Azoreninsel Pico!

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Alle Fotos in diesem Beitrag: Achim Meurer HDR Photography

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